Steht das 9-Euro-Ticket für die Zukunft des öffentlichen Personennahverkehrs?

Die jüngste bundesweite Initiative der deutschen Regierung, die es allen Bürger*innen ermöglicht hat, den ganzen Sommer über für nur 9 Euro pro Monat den öffentlichen Personennahverkehr zu nutzen, hat in der Verkehrsbranche, in den Regierungsbehörden und den Medien – sowohl in Deutschland als auch in ganz Europa – für viel Diskussionsstoff gesorgt.

Derzeit kämpfen Regierungen auf der ganzen Welt mit der Energiekrise und suchen nach Wegen, die Auswirkungen der explodierenden Inflation zu lindern. Es stellt sich die Frage, ob eine solche Initiative den Alltag der Menschen tatsächlich nachhaltig verändern kann. Kann ein derart drastischer Preisanreiz die Menschen dazu bewegen, vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen, wo doch die Umsetzung ehrgeiziger Klimaziele derzeit nur sehr langsam voranschreitet?

Teralytics hat die Auswirkungen der Aktion seit ihrer Einführung am 1. Juni aufmerksam verfolgt, um herauszufinden, ob sie einen dauerhaften Effekt hat. Das Statistische Bundesamt (Destatis) und die Medien haben auf unsere Daten zurückgegriffen, um die Auswirkungen der Maßnahme zu verstehen.

Reiseaufkommen im Schienenverkehr: Vorjahresvergleich

Die unmittelbaren Auswirkungen des Angebots waren eindeutig – die Zahl der Zugreisen stieg sprunghaft an und nahm bis zum Ende der Initiative am 31. August nicht ab. Unsere Datenanalyse stimmte mit den Ergebnissen unserer Partner überein. Das Statistische Bundesamt stellte fest, dass die Zahl der Bahnreisen im ersten Monat der Aktion im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Jahres 2019 um 42 Prozent gestiegen ist. Zeit Online sprach von einem enormen Interesse an Bahnreisen.

Nach dem anfänglichen Erstaunen beschäftigten die Akteure zwei Folgefragen: Hat die Maßnahme zu einem Rückgang des Verkehrsaufkommens auf der Straße geführt? Und: Was passiert nach dem Ende des Aktionsangebots?

Die Wahl des Verkehrsmittels hängt von vielen Faktoren ab – Erreichbarkeit, Bequemlichkeit, Reisedauer und Wetterbedingungen sind nur einige davon. Der Zeitpunkt der Einführung des 9-Euro-Tickets im Sommer bedeutete auch, dass der saisonale Effekt der Sommerferien einen großen Einfluss auf die Resonanz der Kampagne hatte.

Reisen im Straßen- und Schienenverkehr – Auswirkungen des 9-Euro-Tickets

Wir haben die Fahrten mit der Bahn und mit dem Auto während des gesamten Sommers analysiert und einen Vergleich zwischen dem gleichen Zeitraum der Jahre 2019 und 2022 gezogen. Die obige Grafik verdeutlicht die Entwicklung sehr gut: Während die Zahl der Bahnfahrten in diesem Zeitraum um über 40 Prozent gestiegen ist, ist die Zahl der über 30 km langen Fahrten mit dem Auto um ein paar Prozentpunkte gesunken. Auch wenn die prozentuale Veränderung nicht sonderlich groß erscheint, bedeutet sie in absoluten Zahlen, dass im Sommer eine beträchtliche Anzahl von Autofahrten in Bahnfahrten umgewandelt wurde. Bemerkenswert ist, dass die Werte nach dem Ende der Initiative fast sofort wieder auf das Niveau des Monats Mai zurück kehrten.

Dies deckt sich mit der Analyse des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), die zu dem Ergebnis kam, dass von den rund 52 Millionen verkauften Bahnfahrkarten in diesem Zeitraum jeder zehnte Käufer auf mindestens eine seiner täglichen Autofahrten verzichtete.

Um der bundesweiten Analyse ein wenig mehr Kontur zu verleihen, haben wir uns auch angeschaut, wie sich die Aktion auf eine Reihe von Städteverbindungen innerhalb Deutschlands ausgewirkt hat. Die Verbindung zwischen Berlin und Rostock muss nicht näher vorgestellt werden, da die Medien diese beliebte Urlaubsstrecke in diesem Sommer regelmäßig als Beispiel für überfüllte Züge heranzogen.

Berlin Rostock

Hier haben wir den Zeitraum der Gültigkeit des 9-Euro-Tickets mit der Zeit direkt davor und danach (Mai und September) verglichen. Wir stellen einen Anstieg der Autofahrten fest. Bemerkenswert ist jedoch die Zunahme der Zugreisen – an bestimmten Werktagen belief sich diese auf über 250%.

Die Verbindung zwischen Düsseldorf und Köln ist eine der meistbefahrenen Pendlerstrecken Deutschlands. Diese 45 km lange Verbindung von Stadt zu Stadt ist sowohl für Zugreisende als auch für Autofahrer gut ausgebaut. Wir haben uns gefragt wie sich die Angebotsaktion auf den Verkehrsmix rund um diesen wichtigen Pendler-Hotspot auswirkt.

Dusseldorf Koln

Tatsächlich war hier an Werktagen ein deutlicher Rückgang des Straßenverkehrs um etwa 10 % zu beobachten. Da es sich hier um einen Vergleich des Zeitraums von Mai bis September 2022 handelt, kann ausgeschlossen werden, dass dies an einer Zunahme der Telearbeit infolge der Pandemie liegt.

Welche Schlussfolgerungen können nun politische Entscheidungsträger und Verkehrsbehörden weltweit aus diesen Informationen ziehen? Verhaltensänderungen im Bereich der Mobilitätsentscheidungen sind bekanntermaßen schwer zu erreichen. Lohnt es sich also, in großem Umfang in Initiativen wie das 9-Euro-Ticket zu investieren?

Wenn man sich die Daten ansieht – auf jeden Fall.

Die Ziele zur Verringerung der Kohlenstoffemissionen im Verkehr können ohne sinnvolle flächendeckende Maßnahmen nicht erreicht werden. Es reicht nicht aus einfach nur Zielvorgaben zu erlassen, wir müssen uns auch bemühen, sie tatsächlich zu erreichen. Unsere Kunden in Italien sammeln derzeit hiermit ihre eigenen Erfahrungen. Städte im ganzen Land haben die Aufgabe erhalten, die Auswirkungen ihrer Pläne für nachhaltige Mobilität im städtischen Raum zu überwachen und ihre Strategien entsprechend anzupassen.

Kontinuierliches Engagement und die Optimierung von Initiativen je nach ihrer Effektivität sind entscheidend für die Schaffung wirklich nachhaltiger Gemeinden, in denen der öffentliche Personennahverkehr eine zentrale Rolle bei den Mobilitätsentscheidungen der Menschen spielt. Wir freuen uns darauf, die Auswirkungen ähnlicher Initiativen in Spanien, Großbritannien und in vielen anderen Ländern zu beobachten.